Lesezeit ca. 9 min
Cannabis war nie nur Männersache. Es wurde nur oft so erzählt.
Frauen haben gepflegt, gekämpft, gegründet, angebaut, kuratiert und Kultur geschaffen – lange bevor die Branche sauberer, sichtbarer und professioneller wurde.
Dieser Beitrag blickt auf Frauen in der Cannabis-Kultur: auf Geschichte, Sichtbarkeit und eine Szene, die vollständiger wird, wenn mehr Stimmen gehört werden.
Starke Stimmen in einer wachsenden Industrie.
Von Aktivismus und Medizin bis Business, Grow-Kultur und Stil: Frauen haben Cannabis nicht betreten – sie haben die Szene längst mitgeschrieben.
In diesem Beitrag
- Frauen, Cannabis und Sichtbarkeit
- Vor dem Markt kam die Fürsorge
- Prohibition traf Frauen anders
- Deutschland: Frauen zwischen Medizin, Recht und Branche
- Die juristische Seite
- Sichtbarkeit ist nicht gleich Macht
- International: Wanda James und die Frage nach Equity
- Frauen als Kulturmacherinnen
- Growerinnen, Breederinnen und stille Expertise
- Sichtbarkeit ohne Erlaubnis
- Sichtbarkeit kann auch vermarktet werden
- Warum diese Geschichte jetzt wichtiger wird
- Cannabis ohne Frauen ist nur die halbe Geschichte
Die Cannabis-Kultur war nie nur männlich. Sie wurde nur lange so bebildert, verkauft und erzählt.
Growräume, Cups, Cali-Hype, schwere Strain-Namen, Dealer-Mythen, Rap-Ästhetik, Headshop-Klischees, High-THC-Rennen, Business-Pitches, Grammzahlen und laute Claims: Die sichtbare Cannabis-Kultur hatte über Jahrzehnte oft einen männlichen Ton. Nicht ausschließlich. Aber dominant genug, um ein verzerrtes Bild entstehen zu lassen.
Denn während Cannabis öffentlich häufig als Spielplatz von Männern erschien, standen Frauen längst mittendrin: als Aktivistinnen, Patientinnen, Ärztinnen, Juristinnen, Unternehmerinnen, Growerinnen, Journalistinnen, Gründerinnen, Mütter, Konsumentinnen, Netzwerkerinnen, Kulturmacherinnen und stille Expertinnen.
Sie haben Cannabis nicht erst entdeckt, als der Markt professioneller wurde. Sie waren schon da, als Cannabis noch stärker kriminalisiert, stigmatisiert und politisch unbequem war.
Frauen, Cannabis und Sichtbarkeit
1980er/1990er
Brownie Mary wird in San Francisco zur Symbolfigur des medizinischen Cannabis-Aktivismus. Sie unterstützt AIDS-Patientinnen und -Patienten und kämpft für Zugang zu Cannabis als Medizin.
1996
California Proposition 215 macht medizinisches Cannabis in Kalifornien möglich. Brownie Marys Aktivismus gilt als Teil dieser Bewegung.
2006
Nicole Krumdiek veröffentlicht ihre juristische Arbeit zur national- und internationalrechtlichen Grundlage der Cannabisprohibition in Deutschland.
2017
Das Gesetz Cannabis als Medizin tritt in Deutschland in Kraft und erweitert die Möglichkeiten zur Verschreibung von Cannabisarzneimitteln.
2018
Lisa Haag gründet MJ Universe, ein Netzwerk- und Beratungsunternehmen entlang der Hanf- und Cannabis-Wertschöpfungskette.
2019
Anna-Sophia Kouparanis gründet Ilios Santé und wird als erste Frau in Deutschland beschrieben, die einen lizenzierten medizinischen Cannabis-Großhandel aufgebaut hat.
2023
Frauen stellen laut MJBizDaily 39 Prozent der Executive-Positionen in der Cannabisbranche; zugleich fallen Frauen bei Ownership deutlich zurück.
2024
Das Cannabisgesetz verändert in Deutschland die Sichtbarkeit von Cannabis: privater Eigenanbau und gemeinschaftlicher, nicht-gewerblicher Eigenanbau in Anbauvereinigungen werden gesetzlich geregelt.
Vor dem Markt kam die Fürsorge
Eine der wichtigsten Figuren der modernen medizinischen Cannabis-Geschichte war keine Investorin, keine Influencerin und keine klassische Branchenmanagerin. Sie war eine ältere Frau mit einem Backblech.
Mary Jane Rathbun, besser bekannt als Brownie Mary, wurde in San Francisco zur Symbolfigur der medizinischen Cannabisbewegung. Sie engagierte sich in den 1980er- und 1990er-Jahren für AIDS-Patientinnen und -Patienten, verteilte Cannabis-Brownies, war als freiwillige Helferin im San Francisco General Hospital aktiv und kämpfte zusammen mit Aktivisten wie Dennis Peron für medizinischen Zugang zu Cannabis. Ihr Engagement wird mit San Francisco Proposition P und California Proposition 215 verbunden, die 1996 medizinisches Cannabis in Kalifornien ermöglichte.
Profil
Brownie Mary
Mary Jane Rathbun, bekannt als Brownie Mary
Medizinische Cannabis-Aktivistin, Krankenhaushelferin und Symbolfigur der frühen Medical-Cannabis-Bewegung in Kalifornien. Ihre Geschichte verbindet Cannabis nicht mit Hype, sondern mit Fürsorge, Krankheit, Risiko und direkter Hilfe.
Brownie Mary ist deshalb so wichtig, weil sie eine andere Cannabis-Geschichte erzählt.
Nicht die vom Lifestyle-Produkt.
Nicht die vom schnellen Business.
Nicht die vom rebellischen Konsum allein.
Sondern die von Krankheit, Care, Risiko, Empathie und direkter Hilfe.
Sie wurde verhaftet, angeklagt, öffentlich diskutiert und trotzdem zu einer Art Großmutterfigur der medizinischen Cannabisbewegung. Ihre Geschichte zeigt: Cannabis-Aktivismus war nie nur Protest. Manchmal war er Fürsorge unter Bedingungen, in denen der Staat noch nicht bereit war, hinzusehen.
Prohibition traf Frauen anders
Die Prohibition hat Cannabis nicht verschwinden lassen. Sie hat nur bestimmt, wer Risiken tragen musste.
Für Frauen war dieses Risiko oft anders codiert. Ein Mann mit Joint wurde schnell als Rebell, Kiffer, Dealer oder Szene-Typ gelesen. Eine Frau mit Cannabis wurde zusätzlich durch andere soziale Bilder bewertet: Mutter, Patientin, Partnerin, verantwortungslos, unseriös, zu sichtbar, zu frei.
Gerade bei medizinischem Cannabis war das besonders deutlich. Frauen traten nicht nur als Konsumentinnen auf, sondern auch als Pflegende, Patientinnen, Angehörige, Organisatorinnen und politische Stimmen. Trotzdem wurden ihre Rollen häufig weniger laut erzählt als die der männlichen Aktivisten, Gründer oder Szenefiguren.
Cannabis-Geschichte ist deshalb auch eine Geschichte davon, wer gesehen wurde — und wer im Hintergrund Arbeit geleistet hat.
Prohibition macht eine Pflanze nicht unsichtbar. Sie macht nur bestimmte Menschen verletzlicher.
Deutschland: Frauen zwischen Medizin, Recht und Branche
Auch in Deutschland ist Cannabis längst nicht nur eine männliche Geschichte.
Im medizinischen Cannabisbereich steht Anna-Sophia Kouparanis für eine neue Generation deutscher Cannabis-Unternehmerinnen. Sie ist Co-Founderin der Bloomwell Group und gründete die Ilios Santé GmbH, einen Großhandel für medizinisches Cannabis. Branchenmedien beschreiben sie als erste Frau in Deutschland, die einen lizenzierten Cannabis-Großhandel gegründet hat.
Kouparanis ist interessant, weil ihre Rolle nicht in das alte Cannabis-Klischee passt. Sie steht für Medical Cannabis, Telemedizin, pharmazeutische Standards, Investorenlogik und die Professionalisierung einer Branche, die lange zwischen Aktivismus, Apotheke und Stigma hing.
Eine andere wichtige deutsche Stimme ist Lisa Haag. Sie ist seit 2017 in der Cannabisbranche aktiv und gründete 2018 die MJ Universe GmbH, die als Publisher, Beratungs- und Netzwerkstruktur entlang der Hanf- und Cannabis-Wertschöpfungskette arbeitet.
Lisa Haag ist für diesen Beitrag besonders relevant, weil sie nicht nur Business repräsentiert. Ihre Arbeit sitzt genau an der Schnittstelle von Branche, Wissen, Vernetzung, weiblicher Perspektive und öffentlicher Wahrnehmung. Sie zeigt: Wer Cannabis-Kultur verändern will, muss nicht nur Produkte verkaufen. Man muss Räume, Sprache und Netzwerke schaffen.
Auch Lana Korneva, Co-Founderin und Geschäftsführerin von Drapalin Pharmaceuticals, gehört in diesen Kontext. Sie steht für eine Seite der Cannabisbranche, die oft weniger sichtbar ist: Import, pharmazeutische Standards, Logistik, Qualität und Regulierung. Hinter dem sichtbaren Markt stehen Lieferketten, Genehmigungen, Qualitätsprozesse, Arzneimittelrecht, Patientensicherheit und europäische Regulierung. Auch dort prägen Frauen die Entwicklung.
Deutsche Stimmen
Frauen in Medizin, Business und Regulierung
Anna-Sophia Kouparanis
Co-Founderin der Bloomwell Group und Gründerin von Ilios Santé. Steht für Medical Cannabis, Telemedizin, Skalierung und die Professionalisierung des deutschen Marktes.
Lisa Haag
Gründerin von MJ Universe. Verbindet Cannabisbranche, Netzwerkarbeit, Publishing, Beratung und weibliche Perspektiven innerhalb der deutschen Cannabis-Szene.
Lana Korneva
Co-Founderin und Geschäftsführerin von Drapalin Pharmaceuticals. Repräsentiert pharmazeutische Infrastruktur, Import, Regulierung und Qualitätsstandards.
Die juristische Seite: Prohibition ist kein Naturgesetz
Wer über Frauen in der Cannabis-Kultur spricht, sollte nicht nur über Gründerinnen sprechen. Auch Recht, Wissenschaft und Drogenpolitik gehören dazu.
In Deutschland ist Dr. Nicole Krumdiek eine wichtige juristische Stimme im cannabisbezogenen Prohibitionsdiskurs. Der Deutsche Hanfverband verweist auf ihr Buch Die national- und internationalrechtliche Grundlage der Cannabisprohibition in Deutschland; der Schildower Kreis nennt sie als Mitglied und ordnet sie im Kontext drogenpolitischer Fachdebatten ein.
Das ist ein entscheidender Punkt: Cannabis wurde nicht nur durch Kultur und Markt verändert, sondern auch durch Menschen, die die rechtlichen Grundlagen der Prohibition hinterfragt haben.
Sichtbarkeit entsteht nicht nur auf Messen oder Social Media. Sie entsteht auch in Gutachten, Anhörungen, Fachtexten, Gerichtsdebatten und politischer Arbeit.
Profil
Dr. Nicole Krumdiek
Juristin, Autorin und Stimme im deutschen Prohibitionsdiskurs. Ihr Thema zeigt: Cannabis-Kultur ist nicht nur Szene, sondern auch Rechtsgeschichte, Grundsatzdebatte und politische Auseinandersetzung.
Sichtbarkeit ist nicht gleich Macht
Heute sind Frauen in der Cannabisbranche sichtbarer als früher. Aber Sichtbarkeit ist nicht automatisch Macht.
Der Punkt:
Sichtbarkeit ist gewachsen. Eigentum, Kapital und Kontrolle bleiben die eigentliche Machtfrage.
Es reicht nicht, wenn Frauen auf Panels sitzen, Kampagnen schmücken oder in Markenbildern auftauchen. Entscheidend ist, wer Kapital kontrolliert. Wer Lizenzen besitzt. Wer Unternehmen hält. Wer Entscheidungen trifft. Wer Zugang zu Netzwerken, Investoren und politischer Gestaltung bekommt.
Cannabis war lange illegal. Danach wurde es reguliert. Jetzt wird es kommerzialisiert. In jeder dieser Phasen stellt sich dieselbe Frage neu:
Wer darf teilnehmen — und wer verdient daran?
International: Wanda James und die Frage nach Equity
In den USA zeigt Wanda James, warum Frauen in der Cannabis-Kultur nicht nur über Geschlecht sprechen, sondern auch über Race, Klasse, Strafverfolgung und Zugang zu Eigentum.
James gilt als erste Schwarze Frau, die eine Cannabis-Dispensary in den USA besaß. Sie ist Veteranin, Unternehmerin und politische Stimme; ihre Arbeit wird häufig mit Social Equity, rassistischer Strafverfolgung und der Frage verbunden, wer nach der Legalisierung tatsächlich am Markt teilhaben darf.
Ihr Beispiel zeigt: Legalisierung allein macht eine Branche nicht automatisch gerecht.
Wer zuvor kriminalisiert wurde, ist nicht automatisch derjenige, der später Lizenzen, Kapital oder Sichtbarkeit erhält. Wer die Risiken einer verbotenen Kultur getragen hat, ist nicht automatisch derjenige, der vom legalen Markt profitiert.
Cannabis kann deshalb nicht nur als Lifestyle-Thema erzählt werden. Es ist auch eine Geschichte von Ungleichheit, Strafrecht, Kapital, Zugang und kultureller Aneignung.
Profil
Wanda James
Unternehmerin, Veteranin und politische Stimme aus Colorado. Ihr Beispiel steht für Ownership, Social Equity und die Frage, wer nach der Legalisierung wirklich Zugang zu Macht und Markt bekommt.
Frauen als Kulturmacherinnen
Der vielleicht spannendste Punkt liegt nicht nur im Aktivismus oder im Business. Er liegt in der Kultur.
Wenn andere Stimmen Cannabis erzählen, verändert sich oft auch die Ästhetik. Weg vom reinen mehr THC, mehr Hype, mehr Lautstärke. Hin zu Community, Stil, Bildung, Patientinnenperspektive, Mode, Wellness, Verantwortung, Materialität, Design, Care und differenzierter Sprache.
Das bedeutet nicht, dass Frauen automatisch sanftere Cannabis-Kultur machen. Das wäre wieder ein Klischee. Viele Frauen in der Szene sind laut, radikal, analytisch, wirtschaftlich, politisch, kompromisslos oder technisch extrem tief.
Aber ihre Sichtbarkeit erweitert das Bild.
Cannabis wird dadurch weniger eindimensional.
Es geht nicht nur um Blüten und Zahlen. Sondern um Körper, Stadt, Medizin, Kleidung, Musik, Räume, Sprache, Geschichte, Herkunft, Macht und Stil.
Genau dort wird Cannabis kulturell interessant.
Wenn andere Stimmen Cannabis erzählen, verändert sich nicht nur die Geschichte. Es verändert sich auch die Ästhetik.
Growerinnen, Breederinnen und stille Expertise
Auch im Grow-Kontext wurden Frauen lange unterschätzt. Nicht weil sie nicht da waren, sondern weil Grow-Kultur häufig männlich inszeniert wurde: Technik, Kontrolle, Leistung, Ertrag, Potenz, Rekorde, Setup-Fetisch.
Doch Cannabis ist eine Pflanze. Und Pflanzenwissen war historisch nie ausschließlich männlich. Frauen waren und sind Teil von Anbau, Selektion, medizinischer Nutzung, Sortenwissen, Community-Erfahrung und praktischer Weitergabe.
Gerade heute, wo Homegrow sichtbarer wird, verändert sich auch hier das Bild. Growerinnen treten selbstbewusster auf. Nicht als Ausnahme. Sondern als Teil einer Szene, die vielfältiger war, als ihre alte Bildsprache vermuten ließ.
Genetik ist nicht nur ein technischer Begriff. Genetik ist auch Kultur, Auswahl, Geschmack, Gedächtnis und Erzählung. Wer auswählt, kuratiert. Und wer kuratiert, prägt, was sichtbar wird.
Bei Cannaseuse wird genau diese Idee von Auswahl wichtig: Cannabis-Genetik ist nicht nur Ware, sondern kuratierte Kultur. Deshalb geht es bei Sorten, Samen und Selektionen nicht nur um Zahlen, sondern um Herkunft, Charakter, Stil und das Gefühl für das Besondere.
Sichtbarkeit ohne Erlaubnis
Für viele Frauen war Cannabis lange mit einer doppelten Unsicherheit verbunden. Nicht nur mit rechtlichen Fragen, sondern auch mit sozialem Blick. Wer konsumierte, sich medizinisch mit Cannabis beschäftigte, anbaute, gründete, forschte oder öffentlich über die Pflanze sprach, musste sich oft stärker erklären als Männer.
Zu viel Interesse? Zu sichtbar.
Zu fachlich? Ungewöhnlich.
Zu selbstbewusst? Provokant.
Zu entspannt? Unseriös.
Zu medizinisch? Erklärungsbedürftig.
Zu unternehmerisch? Plötzlich mutig.
Dabei ist Cannabis keine fremde Welt, in die Frauen erst eingeladen werden müssen. Die Pflanze war immer Teil von Wissen, Fürsorge, Kultur, Körper, Medizin, Widerstand, Genuss und Gestaltung. Frauen haben sie genutzt, verteidigt, erforscht, angebaut, erzählt und weitergedacht — oft lange bevor dafür Bühnen, Lizenzen oder saubere Markenwelten existierten.
Sichtbarkeit beginnt nicht erst dort, wo jemand sie erlaubt. Frauen haben Cannabis längst mitgeprägt – oft ohne Bühne, ohne Einladung und ohne offizielle Anerkennung.
Es bedeutet, Fragen zu stellen, ohne sich kleinzumachen.
Es bedeutet, Wissen aufzubauen, ohne sich beweisen zu müssen.
Es bedeutet, Cannabis nicht nur über Scham, Stigma oder alte Bilder zu lesen.
Es bedeutet, die Pflanze als das zu sehen, was sie auch ist: ein Stück Kultur, ein Stück Geschichte, ein Stück Selbstbestimmung.
Gerade nach der Legalisierung beginnt die Cannabis-Kultur sich neu zu sortieren. Jetzt entscheidet sich, wer sichtbar wird, wer Sprache prägt, wer Wissen weitergibt, wer Marken baut, wer anbaut, wer kuratiert und wer die nächste Version dieser Geschichte erzählt.
Diese neue Sichtbarkeit braucht Frauen nicht als Dekoration. Sie braucht sie als Stimmen.
Nicht, weil Cannabis dadurch weiblicher wird. Sondern weil Cannabis dadurch vollständiger wird.
Sichtbarkeit kann auch vermarktet werden
Trotzdem sollte man vorsichtig sein. Women in Cannabis kann schnell selbst zur Marketing-Kategorie werden.
Ein paar weibliche Gesichter auf einer Bühne machen eine Branche nicht automatisch gerechter. Eine pinke Verpackung macht kein feministisches Produkt. Eine Kampagne mit Female Empowerment ersetzt keine echten Eigentumsanteile, keine fairen Arbeitsbedingungen, keine sichere Patientinnenversorgung und keine ernsthafte Repräsentation.
Die interessantere Frage lautet deshalb nicht: Sind Frauen jetzt sichtbar?
Sondern: Was verändert ihre Sichtbarkeit wirklich?
Verändert sie Entscheidungen?
Verändert sie Markenbilder?
Verändert sie Sprache?
Verändert sie Zugang zu Kapital?
Verändert sie politische Debatten?
Verändert sie, wie über Konsum, Medizin, Risiko und Kultur gesprochen wird?
Erst dann wird Sichtbarkeit mehr als Oberfläche.
Warum diese Geschichte jetzt wichtiger wird
Nach der Legalisierung wird Cannabis neu sortiert. Was früher illegal, halb geduldet oder subkulturell war, wird sichtbarer, regulierter und wirtschaftlicher. Dadurch entstehen neue Chancen — aber auch neue Ausschlüsse.
Branchen werden gern von denen übernommen, die Kapital, Kontakte und Erfahrung in regulierten Märkten haben. Das sind historisch nicht immer die Menschen, die die Kultur aufgebaut, die Risiken getragen oder die Debatten vorangetrieben haben.
Gerade deshalb ist es wichtig, Frauen in der Cannabis-Kultur nicht erst jetzt als neue Zielgruppe zu entdecken.
Sie waren keine Zielgruppe am Rand.
Sie waren Teil der Geschichte.
Brownie Mary steht für medizinische Notwendigkeit und Care. Anna-Sophia Kouparanis für deutsche Medical-Cannabis-Professionalisierung. Lisa Haag für Vernetzung, Wissensarbeit und weibliche Perspektive in der deutschen Branche. Lana Korneva für pharmazeutische Infrastruktur. Nicole Krumdiek für juristische Auseinandersetzung mit Prohibition. Wanda James für Equity, Ownership und politische Sichtbarkeit.
Diese Namen erzählen keine vollständige Liste. Aber sie öffnen ein anderes Bild.
Cannabis ohne Frauen ist nur die halbe Geschichte
Cannabis-Kultur ist nicht nur das, was sichtbar war. Sie ist auch das, was lange übersehen wurde.
Sie sitzt in Krankenhausfluren und Gerichtssälen, in Apotheken und Growrooms, in Konferenzräumen und Clubs, in Aktivismus, Mode, Medizin, Social Equity, Familiengeschichten, Patientinnenberichten, Businessplänen und Netzwerken.
Die Cannabis-Kultur war nie nur männlich. Sie wurde nur lange so erzählt.
Jetzt, wo Cannabis sichtbarer wird, stellt sich eine neue Frage: Wer schreibt die nächste Version dieser Geschichte?
Frauen standen nie am Rand der Cannabis-Kultur. Sie haben gepflegt, gekämpft, gegründet, argumentiert, kuratiert, angebaut, vernetzt und gestaltet. Wer Cannabis heute verstehen will, muss diese Stimmen nicht ergänzen — er muss sie als Teil der eigentlichen Geschichte lesen. Und wer sich heute als Frau für Cannabis interessiert, muss sich dafür nicht rechtfertigen. Die Pflanze gehört nicht nur den Lautesten, nicht nur den Technikern, nicht nur den alten Szenecodes. Sie gehört auch denen, die sie mit Wissen, Stil, Haltung und Selbstbewusstsein neu erzählen.